Corona Diaries – Analog in Berlin

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Corona Checkpoint Charlie Berlin

Auf dem Alexanderplatz unterhalten sich zwei Opis und lamentieren dabei ausladend mit ihren Armen. Mit jedem Ruderschlag bewegen sie sich einen halben Schritt über den Platz. Zwischen ihnen sind zwei Meter Abstand. Hinter Ihnen das leere Haus der Statistik, auf dem in großen weißen Lettern „Allesandersplatz“ prangert. Alles ist anders am Alexanderplatz. Niemand macht Selfies vor der Weltzeituhr, kein Radfahrer fährt Slalom um die Tramlinien, keine Horden von Mädchen mit Primarktüten, keine Punks, keine Polizei, keine Studenten die mit Klemmbrettern Unterschriften sammeln, keine Omis mit Fönfrisuren, keine japanischen Touristen, keine Freaks aus der U8, keine eScooter. Es ist wie auf einem dieser Fotos aus alten Postkarten oder Geschichtsbüchern, oder wie in einem distopischen Film – nur dass ich mittendrin stehe.


An diesem Samstagmorgen im April hats mich richtig gekriegt: Wir sind Mitten in einer Pandemie, die alles verändern wird.

Dabei hatte sich eigentlich vorher für mich schon alles verändert: Keine ITB, keine Reisen, kein Jobs, kein Büro, keine Dates mit Freunden, kein Tanzen. Zuerst denk ich noch: Hach schön, nutzt du die Zeit halt für dein Portfolio, deine Spanischkenntnisse und um deine Wohnung endlich mal zu renovieren. Es dauert nichtmal 4 Tage und meine Stimmung schlägt von Selbstoptimierungs- in Überlebensmodus. Panik schleicht sich ein. Was ist, wenn ich dieses Jahr gar nicht mehr arbeiten kann? Was ist, wenn ich die Soforthilfe nicht bekomme? Was, wenn wir gar nicht mehr raus dürfen? Was, wenn ich krank werde? Was, wenn ich die Eltern nicht besuchen kann? Von jetzt auf gleich waren da plötzlich Existenzangst, Sorge um die Gesundheit meiner Liebsten, Selbstisolation, Einsamkeit, Maskenpflicht. Ich hangel mich tagelang von Nervenzusammenbruch zu Nervenzusammenbruch.

Das einzige was hilft: Raus gehen. Frische Luft einatmen. In Bewegung bleiben.

Sehen, dass da draußen irgendwie noch Leben ist.

Irgendwann in diesen Tagen hole ich meine alte Canon AE-1 Program Spiegelreflexkamera aus den 70ern von meinem Regal, entstaube sie, füttere sie mit einem Film, der 2014 abgelaufen ist und nehme sie mit auf meine von nun an täglichen Spaziergänge durch meinen Kiez.

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Corona Diaries Berlin

Bei meinen Streifzügen beobachte ich Nachbarn, die Seilzüge zwischen ihren Fenstern gespannt haben, um Lebensmittel und Medikamente auszutauschen. Ich lese Abschiedsnachrichten in Schaufenstern, Bars und an Kinos. Ich stehe oft unter dem Balkon meiner Freundin, während wir telefonieren. Eine Omi verkauft auf der Brücke Zeitschriften und strickt. Die Nachbarschaft sammelt Lebensmittel an Gabenzäunen. Alte Männer machen in der Sonne ein Nickerchen. Die Dealer in der Hasenheide tragen Einweghandschuhe. Überall liegt Absperrband. Wer hätte gedacht, dass wir mal eine Zeit haben, in der es verboten ist zu schaukeln oder seine beste Freundin zu umarmen. Umarmungen. Die fehlen mir am meisten.

Ich spüre eine seltsame Verbundenheit mit den Menschen, denen ich auf meinen Spaziergängen im März 2020 begegne. Das kurze Lächeln, das man in diesen Tagen austauscht ist nicht üblich für Berlin. Es ist ein stilles „We are in this together“, wir sind hier nicht allein mit dem ganzen Scheiß.

Corona Abesperrband Berlin

An anderen Tagen sind mir all die Menschen zu viel. Die, die auf dem Bürgersteig nicht ausweichen. Die, die wie die Heuschrecken am Bouleplatz sitzen. Die, die mir im Supermarkt zu nahe kommen. Die, die in großen Gruppen im Park rumhängen. Die, die neben mir mit Absicht husten. Mein innerer Fenster-Rentner läuft Amok.

Ich suche mir meine kleinen „geheimen“ Plätze. Der Friedhof, der nur morgens geöffnet hat. Der Tisch vor dem geschlossenen Restaurant, wo zwischen 16 und 17 Uhr Sonne ist. Die Passage durch mehrere Hinterhöfe, in denen ein kleiner öffentlicher Garten liegt. Die eine Parkbank am Kanal, die man vom Weg aus nicht sieht. Der abgelegene Teil der Hasenheide mit dem Hügel in der Mitte. Die Seitenstraße, durch die Niemand durch muss.

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Immer dabei meine Canon AE-1, manchmal auch eine alte Ricoh Point and Shoot. Früher habe ich nur analog fotografiert. Über 30 Filmkameras, von Kleinbild zu Mittelformat, von ChupaChups Photo Pop zu Pouva Start, von Lomo zu Polaroid – sie alle versauern irgendwo in Kisten. Und ich hab sie vermisst. Diese Langsamkeit. Manuell fokussieren, lange überlegen, Bildausschnitt wählen und noch länger auf das Ergebnis warten. Und dann ist da am Ende immer was, was eine Digitalkamera einfach so nicht eingefangen hätte. VSCO Filter or not.

Genau diese Langsamkeit passt in diese Zeit. In all die Surrealität. Zuerst fühlt es sich so an, als wäre die Zeit stehen geblieben, dann scheint sie regelrecht zu rasen. Ein bisschen, als hätte jemand langsam ein Kaugummi auseinandergezogen, nur, um es dann plötzlich losflitschen zu lassen.

Wie es weiter geht? Wer weiß das schon. Ich werde jedenfalls erstmal weiter mit meinen kleinen analogen Freunden durch Berlin ziehen und diese Zeit fotografisch festhalten. Ich hoffe sehr, dass bald alles irgendwie wieder normaler wird und wir vor allem dabei eine neue Normalität finden. Bewusster leben, miteinander umgehen, konsumieren und ja, auch unbedingt bewusster reisen. Aber das ist ein Thema für ein anderes Mal.

Passt auf euch auf!

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Nina

Designerin, Illustratorin, Fotografin und Flummiweltmeisterin. Mehr Infos über mich und den Blog gibt es hier

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  1. Antworten

    Mela | individualicious

    24. Mai 2020

    So schön! 🧡

  2. Antworten

    Daniela

    24. Mai 2020

    Danke für diesen stillen leisen analogen Spaziergang ❤️.
    Haben wir den Wert des Lebens verloren? Muss einfach wieder einmal daran erinnert werden, was für eine Bedeutung unser Leben hat?
    In dieser Ausnahmesituation lernen wir uns näher kennen und haben die Gelegenheit, ein Stückchen „besser“ zu werden, Prioritäten anders zu setzen, unseren Mitmenschen mit Rücksicht und Liebe zu begegnen und bestenfalls die eigenen Bedürfnisse zurückzustecken. Danke für deinen Artikel der so wunderbar in das was ich empfinde passt.

    LIEBE ❤ statt EGOISMUS sollte unsere Devise sein und bleiben.

    Schön gesund bleiben und eine dicke Umarmung sendet dir
    Dani

    • Antworten

      Nina

      25. Mai 2020

      Danke, liebe Dani! Das hast du sehr schön gesagt. Ich schicke dir auch eine dicke Umarmung!

  3. Antworten

    Nani

    25. Mai 2020

    So schön geschrieben! Und ich mag die Stimmung Deiner Fotos!
    Finde es absolut nachvollziehbar, dass Du nicht dem allgemeinen Selbstoptimierungs- und Produktivitätswahn verfallen bist, der wie ich finde, so oft propagiert wird im Moment.
    Reicht es nicht, einfach zu versuchen, klar zu kommen?
    Ich drücke Dir die Daumen, dass Du bald wieder coole Jobs bekommst und alles bald wieder gut wird! Schöne Grüße!!

    • Antworten

      Nina

      25. Mai 2020

      Danke, Nani! Ich glaube ja, für viele ist dieser Produktivitätswahn auch eine Art zu versuchen damit klar zu kommen. Jeder geht mit dieser Krise anders um. Aber ich gehöre definitiv auch eher zu der „hauptsache irgendwie Kopf über Wasser“ Fraktion… 🙂 Alles Gute!

  4. Antworten

    Janett

    27. Mai 2020

    Corona hat uns alle entschleunigt. Ich habe das genossen. Viel geschlafen, gut gegessen und ein paar Spaziergänge gemacht. Nebenbei teils/teils im Homeoffice und an der Uni gearbeitet. Hat mir Reisen gefehlt? Um ganz ehrlich zu sein – nein. Dennoch bin ich froh bald wieder meine Familie zu sehen. Was mich aktuell nur anstrengt sind die Menschen, die wieder schneller laufen wollen. Denen die Entschleunigung zu viel ist. Ich hoffe, das sich insgesamt einiges ändert. Hin zu mehr Bewusstsein für schöne Eindrücke wie du sie gezeigt hast. Weg von Stress und Hektik. Vielleicht sind Familien wieder mehr zusammen gewachsen oder Paare haben gemerkt, das es auch 24hours zusammen geht. Ich würde gerne in die Zukunft schauen und das Leben „dannach“ sehen. In der Hoffnung, das es anders wird.

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