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Ein Wochenende in Newcastle – Meine Tipps für eine Städtereise im Winter

By 16. November 2018 Städtereise, Travel

„Warum noch mal wollten wir nach Newcastle?“ meine Freundin Luisa lenkt ihren grünen Volvo über eine Art Stadtautobahn. „Du wolltest nach Newcastle…“ entgegne ich ihr. Mein Blick schweift aus dem Beifahrerfenster auf Betonfeiler und ein Billboard auf dem Rupert Grint etwas beunruhigt auf uns hinab blickt. Wir kurven nun schon eine Weile im Kreis auf der Suche nach dem richtigen Weg in die Innenstadt. In der Hoffnung ein paar Newcastle Tipps zu finden, blättere ich im ziemlich ausgelutschten Reiseführer aus den 80er Jahren, den wir eigentlich nur wegen des Kartenmaterials dabei haben. „… Brücken… Fluss Tyne… ansonsten gibt es in der Industriestadt nicht viel zu sehn“ lese ich sinngemäß daraus vor. Kaum habe ich das Ding zurück aufs Armaturenbrett geworfen, lenkt Luisa kurzerhand den Wagen auf die nächste Abfahrt in Richtung Norden. Die Betonfeiler und Billboards sollten das einzige sein, was wir auf unserem 14 tägigen England Roadtrip 2011 von Newcastle upon Tyne sehen.

Und heute weiß ich: Das war ein großer Fehler.

Newcastle Tipps für eine Städtereise im Winter: Ein Wochenende voll Kunst & Architektur, Street Art im Ouseburn Valley und den sieben Brücken über den Tyne

       

Es ist nicht so, als ob ich es nicht schon längst geahnt hätte, dass wir damals vielleicht einfach ein bisschen ignorant waren und sich eventuell seit den 80ern einiges getan hat. Immer wieder hatte ich mal mit dem Gedanken gespielt, Newcastle erneut eine Chance zu geben. Ihr wisst ja: Das Ding mit den mutmaßlichen Industriestädten. Doch was ich schließlich bei meinem Besuch im Januar fand hat mich ganz schön überrascht: Ziemlich schräge Architektur, ein hippes Künstlerviertel, leckere Fish & Chips in einem rein veganen Pub, ein modernes Museum, in dem zur Zeit ausschließlich Frauen ausstellen und ja – auch die erwähnten Brücken.

Ich hab also einiges entdeckt und erlebt, deshalb erzähl ich euch das alles mal der Reihe nach und zeige euch meine persönlichen Newcastle Tipps von meinem Wochenende im Norden Englands.

 

       

       

Tag 1 – Alte Markthallen, traditionelle Teatime und sieben Brücken in Newcastles Zentrum

Stadt angucken gut und schön, aber ihr kennt mich: Ich brauch erstmal Kaffee. In der Pink Lane ganz versteckt gleich gegenüber vom Hauptbahnhof liegt das zauberhafte Pink Lane Coffee mit wirklich netter Atmosphäre, kleinen Snacks und klaro: gutem Kaffee. Am anderen Ende der kleinen Gasse liegt die Pink Lane Bakery, bei der man schon sabbernd vorm mit Gebäck gefüllten Schaufenster steht.

Newcastle eignet sich super um sich einfach treiben zu lassen, denn früher oder später landet man sowieso immer wieder am Grey’s Monument – einer Säule auf der Earl Grey thront. Ja, genau der Earl Grey. Nach ihm wurde aber nicht nur der bekannte Tee benannt, sondern er war seinerzeit auch Premierminister. Ein bisschen wie die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz dient das Monument als Treffpunkt für Shopper und Nachteulen, direkt unter ihm liegt eine U-Bahn Station. Ich weiß nicht wie oft ich selbst an den zwei Tagen in Newcastle an dieser Kreuzung vorbei gekommen bin…

Nicht weit vom Grey’s Monument befinden sich zwei architektonische Highlights in Newcastle: Die Central Arcade und der Grainger Market, die beide aus den 1830er Jahren stammen.

       

       

 

The Central Arcade ist eine pittoreske viktorianische Ladenpassage, die von der Grey Street zur Grainger Street führt und kleine Boutiquen und Musikgeschäfte beherbergt. Am Grainger Market mochte ich besonders das bunte Potpourri aus Gemüseständen, Vintage Shops, Street Food, Antiquariaten, Cupcakebars und Oma Schlüpper Shops. Fun Fact: hier findet man auch den ältesten Marks & Spencer, der heute noch in Betrieb ist. Ich besorge ein paar kulinarische Souvenirs bei Mmm Glug: ein Knoblauch Chutney, leckere Onion Jams und ein lokales Ginger Beer.

Direkt nebenan in einer Stichstraße der Grainger Street liegt das High Bridge Quarter. Hier wirds vor allem am Abend interessant: Alte Pubs wie „The Old George“ und der Comedy Club „The Stand“ sind feste Institutionen in Newcastles Nachtleben. Da es aber ja erst Mittag ist, bummle ich ein bisschen in Retro Vintage Läden und im Buchladen vom Baltic 39, dem kleinen coolen Ableger der großen Baltic Galerie am Tyne Ufer.

 

 

       

 

Wieder komme ich zwangsläufig am Grey Monument aus und nehme diesen Wink mit dem Zaunpfahl dankend entgegen. Teatime bei den Quilliam Brothers! Um diese Uhrzeit ist es brechend voll und das augenscheinlich zu Recht. Ich suche mir einen Platz am Fenster direkt an der Bar und bestelle, na klar, einen Earl Grey Tea! Mein Platz stellt sich als Goldgriff heraus: Ich kann gar nicht weg sehen, wie die vielen verschiedenen Teesorten aus den Regalen fliegen, die Wasserkocher um die Wette brodeln und die Tees mit flinken Händen zubereitet werden. Außer über 60 verschiedenen Teesorten gibt es natürlich auch Gebäck und Mittagstisch. Zu meiner Überraschung fand ich unten im Keller ein kleines Kino in dem regelmäßig Programmfilme gezeigt werden. Sehr simpatisch!

So langsam geht in Newcastle die Sonne unter und das ist die perfekte Zeit für einen Spaziergang an der Quayside. Von hier aus hat man einen tollen Blick auf alle sieben Brücken und das am anderen Tyne Ufer liegende Gateshead. Das Licht der untergehenden Sonne spiegelt sich wunderbar in der organischen Fensterfront des Konzerthauses Sage Gateshead, welches sich wiederrum in der Wasseroberfläche des Flusses spiegelt. Für mich und meine Kamera sowas wie ein Spielplatz für Erwachsene. Ich spaziere bis zur geschwungenen Millennium Bridge, von der aus man die Sonne hinter allen anderen 6 Brücken unter gehen sehen kann und aus irgendeinem Grund habe ich spätestens jetzt einen Karat Ohrwurm. Die Millennium Bridge ist übrigens die erste Brücke die durch ihre Angelpunkte rotiert werden kann, das heißt, sollte mal ein großes Schiff durch müssen wird die komplette Brücke gekippt. Die Zeiten hierfür kann man sich auf der Webseite der Stadt Gateshead raussuchen.

 

       

Es ist dunkel, allerspätestens jetzt ist Beer o’clock. Für einen ordentlichen Pint in der Nähe der Quayside laufe ich rüber zum Crown Posada, einem der ältesten Pubs in Newcastle. Hier wird die Musik noch über einen alten Plattenspieler aus den 1940ern aufgelegt. Die Atmosphäre in dem mit Holz verkleideten Pub ist urgemütlich – genau richtig für kalte Wintertage in Newcastle. Direkt gegenüber liegt Brewdog, eine Craft Beer Kette, die in Großbritannien recht gut verbreitet ist. Um den Abend ausklingen zu lassen verschlägt es mich allerdings ans ganz andere Ende der Stadt: Die Wylam Brewery Tap befindet sich im „Palace of the Arts“ inmitten eines Parks im Norden Newcastles. In dieser sehr hippen Brauerei bekommt man nicht nur etliche Craft Biere zu trinken, sondern auch unheimlich gutes Pub Food (Scotch Eggs, anyone?) und hin und wieder Live Musik zu sehen.

 

Tag 2 – Kunst, Kaffee und das hippe Ouseburn Valley

Ihr kennt den Ablauf: Erstmal Kaffee! Direkt gegenüber von meinem Hotel liegt in einem alten Kameraladen mit knatschgrüner Fassade. The Camera Shop ist klein und gemütlich, im Hintergrund spielen Maximo Park und ich bestelle einen Bagel zu meinem Kaffee. Hier kann man wunderbar am Fenster sitzen, das Geschehen auf der Straße beobachten, den Gesprächen der Locals lauschen und zur Indie Playlist ein Bein wippen lassen. So habe ich mir das vorgestellt mit Newcastle und mir. Und: Würde ich in Newcastle wohnen, würde ich hier wohl jeden Morgen hinkommen.

 

       

 

 

Für heute habe ich Kunst und Kultur auf meinem Plan stehen. Der allerbeste Ort dafür ist das Baltic Centre for Contemporary Art. Die Kunstgalerie ist die größte Galerie nördlich von London und in einer alten Mehlfabrik direkt am Ufer des Tyne untergrebracht. Ich merke schnell: hier könnte ich locker einen ganzen Tag verbringen. Kunstwerke betrachten, von der Besucherterrasse die Aussicht über die Stadt genießen, im SIX zu Mittag essen und den wirklich grandiosen Museumsshop leer kaufen. Was ich neben den Ausstellungen im Baltic besonders toll fand, ist die Tatsache, das hier in diesem Jahr ausschließlich weibliche Künstler ausstellen. Besonders angetan hat es mir eine Musikinstallation, bei der verschiedene Sounds aus bemalten Tonschalen, die wie Satelitenschüsseln aussehen in den Raum gespielt werden.

Zurück über die Millennium Bridge begebe ich mich auf den Weg ins niedliche Ouseburn Valley. In dem ehemaligen Industrieviertel sind viele Künstler, Ateliers und Kleinunternehmer ansässig – die wie in vielen anderen Städten für einen Aufschwung in diesem Viertel gesorgt haben. Heute findet man hier einige Galerien, Workshops, viel Street Art, eine Farm und moderne Restaurants und Cafés.

 

 

       

       

 

The Kiln ist so ein Ort, der viele Eigenschaften des Stadtteils vereint: Handwerk, Kunst und Restaurant/Café… Ouseburn in a Nutshell sozusagen. In dem Lokal mit angrenzender Töpferei kann man seinen Mittagstisch nicht nur von ausgefallener Keramik essen, sondern sie gleich auch noch als Souvenir kaufen. Durch die Scheiben im hinteren Teil kann man als Besucher einen Blick auf die Werkstatt erhaschen, ein alter Bollerofen im vorderen Teil sorgt für Gemütlichkeit.

Einmal quer durchs Dorf liegt die Biscuit Factory, eine alte Keksfabrik die heute die größte kommerzielle Galerie für Kunst und Design ist. Das heißt: Was hier ausgestellt ist kann man auch gleich kaufen und das sogar zu recht erschwinglichen Preisen.

Direkt gegenüber der Galerie versteckt im Gebäude einer alten Tankstelle entdecke ich The Garage, ein lebendiger Coffeeplace in dem ich sowohl auf junge Familien und Studenten, als auch auf harte Jungs in Bauarbeiteruniform treffe. An der Wand hängt die rostige Karosse eines Mini Coopers, vor dem trüben Sicherheitsglas rankt Efeu und das Beste: Der Kaffee wird in ordentlichen großen Tassen serviert. Halleluja! Ich nutze die Gelegenheit für ein Traveldoodle bevor ich den Rest des Valleys unsicher mache.

 

 

       

       

Den Nachmittag in Ouseburn verbringe ich mit einem Spaziergang durchs Viertel, ich entdecke Street Art und einen ziemlich verrückten Hauseingang mit einer knatschblauen Tür im ersten Stock ohne Treppe oder Leiter! Es hing sogar ein Brief im dafür vorgesehenen Schlitz. Das Kinderbuchmuseum Seven Stories find ich besonders spannend, allein wegen des tollen Museumsshops voller bunt illustrierter Bücher. Auch hier stach mir der Tisch voller Ausgaben über weibliche Vorbilder und feministische Geschichten besonders ins Auge.

Der Hunger treibt mich ins Ship Inn, denn von diesem rein veganen Pub hatte ich schon einiges gehört. Fish & Chips sollten es sein und was soll ich sagen: Genial! Das Tofu wird mit Seetang ummantelt und dann wie gewohnt eine Runde in Bierteig frittiert und es schmeckt wirklich genau wie „richtiger“ Fisch. Während ich noch meine Pommes in die vegane Remoulade dippe, beobachte ich die Leute: Eine Familie die beim Pint Karten spielt, eine Frau die einen dicken Fantasy-Schmöker liest, ein paar ältere Herren schallend lachend am Tresen und hier und da ein Pärchen. Schön ist es im Ship Inn und dank der familiären Atmosphäre weiß man auch, warum die Leute Ouseburn als ihr eigenes kleines Dorf bezeichnen.

 

       

Ebenso familiär geht es im Arch 2 zu. Der kleine Craft Beer Pub unter einem der geschwungenen Bögen der Baker Bridge entstand aus einer fixen Idee und Leidenschaft fürs Brauen von Vater und Sohn Duo Mike und Leo. Eine kleine Gruppe von Leuten sitzt vor dem Pub bei Lagerfeuer, während Leo nebendran ein paar Cheeseburger brät. Ich werde sofort herzlich in die Runde aufgenommen, quatsche mit einem Studentenpärchen über das Leben in Newcastle, erzähle Mike und seiner Frau vom Beruf der Reisebloggerin und höre Leo über das Bier brauen philosophieren. Es kommt wie es kommen musste: Ich versacke im Arch 2 und verwerfe die restlichen Pläne für diesen Abend um ihn einfach hier am Feuer ausklingen zu lassen.

Während ich in die Flammen starre erinnere ich an meinen ersten, doch eher missglückten Newcastle besuch und frage mich, wie Luisa und ich die Stadt wohl damals gefunden hätten, hätten wir ihr doch eine Chance gegeben. Ich leere mein Bier und bin froh, dass ich der Stadt eine zweite Chance gegeben habe

 

Bonus Newcastle Tipps:

Die Pudding Chare – oder auch Puddinggasse –  hat nicht nur einen lustigen Namen sonden in ihr liegen zwei besondere Cafés: Eins für Katzen und eins für Hunde. Hier kann man während man seinen Kakao schlürft, flauschige Vierbeiner streicheln.

Gutes Essen bekommt man außerdem noch im Blackfriars, bei Ernest und im Herb Garden.

Wer etwas mehr Zeit hat sollte unbedingt den Zug in Richtung Tyne Mündung nehmen. In Tynemouth kann man wunderbar Meeresluft schnuppern, Fisch essen, eine Burgruine besichtigen und herumtrödeln. Mehr dazu gibts bald hier auf dem Blog!

Einen kleinen Vorgeschmack gibt dieses Video, das ich für Visit Britain bei meinem Besuch gedreht habe.

 

 

Übrigens habe ich hier noch die richtige Playlist für Städtereisen in England und einen Text über 10 Dinge, die ich an England liebe.

 

Offenlegung: Ich bin im Rahmen einer Videoproduktion für Visit Britain nach Newcastle gereist. Dieser Artikel entstand unabhängig von diesem Auftrag, unbezahlt und freiwillig. Meine Meinung über Brücken, veganen Fisch und Laerfeuerramontik bleibt hiervon unbeeinflusst. 

 

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5 Comments

  • Reply Kathi 16. November 2018 at 14:05

    Ich liebe Newcastle ja echt – vor allem die Ousebourn Gegend! Aber auch einfach so – diesen post-industriellen Schick, total unterbewertet und voll mit Kunst. Toller Bericht!

    • Reply Nina 16. November 2018 at 14:51

      Danke dir, Kathi!
      Genau so ging es mir auch. Und man muss auch keinen Faible für Post-Industriestädte haben um es dort zu mögen. Und so nette Leute <3

  • Reply KTINKA 17. November 2018 at 13:15

    Jetzt möchte ich auch unbedingt auch mal nach Newcastle <3

  • Reply Annika 26. November 2018 at 19:49

    Hallo Nina,
    jetzt kommt Newcastle auch auf meine „da möchte ich mal gerne hin“-Liste und das obwohl ich gar kein Fan vom Earl Grey-Tee bin.
    Sehr schöne Fotos. 🙂
    Liebe Grüße
    Annika

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