Kopfüber ins Vergnügen – Ein Wochenende in der Designstadt Graz

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr durch eine Straße lauft und mit jedem Pflasterstein, jeder Häuserecke, jedem kleinen Lädchen kommt nach und nach die Erinnerung. Man entdeckt Dinge, die man schon kennt und Dinge, die sich verändert haben. Das knalltürkise Haus, das man vor Jahren schon so gerne fotografiert hat, erscheint nun wieder vor der Linse. Langsam fügen sich im Kopf Dinge zusammen. Aus Erinnerungsfragmenten wird wieder ein Gesamtbild. So sehr ich es liebe, Städte, Orte, Länder ganz neu zu entdecken, so sehr mag ich es auch sie wiederzuentdecken.

Städtereise Graz Österreich UNESCO City Design
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Mein letzter Besuch in Graz ist schon 6 Jahre her. Schon damals mochte ich die kreative Ader der Stadt in der Steiermark. Die Mischung aus ugly-pretty Häusern, Street Art, pittoreske Architektur, aufgebrochen von modernen Bauwerken, aus kleinen Designerläden, guten Museen und stylischen Lokalen. Nicht umsonst ist Graz eine UNESCO City of Design, weshalb ich mich riesig gefreut habe, dass ich anlässlich des Designmonats im Mai die Stadt noch einmal neu erkunden durfte.

Design in the City Designmonat Graz

Design in the City – Ein Rundgang durch das Lendviertel

Während des Designmonats finden in Graz unzählige Veranstaltungen, Workshops und Ausstellungen statt. Geschäfte, Ateliers und Cafés bieten in dieser Zeit Grazer Designern und Produkten eine ganz besondere Platform. Überall sieht man sie, die giftgrünen Fahnen und Plakate, die markieren, wo es was zu entdecken gibt. Um erst einmal einen Überblick zu bekommen, schließe ich mich kurz nach meiner Ankunft am Freitagnachmittag einer der geführten Design in the City Spaziergänge an. Es geht ins Viertel Lend, das trifft sich gut, denn erstens ist mein Hotel gleich um die Ecke und zweitens hats mir das Viertel schon beim letzten Besuch angetan. Ich spare mir dabei jetzt mal einen „Das XY von Graz“ Vergleich, aber ich glaube mit „Kreativenviertel, voller kleiner charmanter Läden, hipper Coffeeshops, Coworking Büros und netter Bars könnt ihr schon was anfangen…

Der Rundgang startet auf der Murinsel, einem der modernen Wahrzeichen der Stadt. Die sieht nicht nur ziemlich geil aus (ich mein hallo?) sondern lädt auch wirklich zum in der Sonne abhängen und dem Flußrauschen lauschen ein. Die schwimmende Platform mit ihrem Schneckenartigen Design beherbergt eine Sonnenterasse, ein Café und einen Designshop. Hier findet man vor allem Produkte mit Bezug auf Graz von jungen Designern der Stadt, mit Karten, Büchern und schönen Souvenirs, die über den Kühlschrankmangneten hinaus gehen. Außerdem werden während des Designmonats hier auch etliche Workshops zu Türkischen Handarbeiten wie dem Marmorieren und geometrischen Mustern gegeben.

Murinsel Graz Designmonat
Murinsel Graz UNESCO City of Design

Von der Insel aus begeben wir uns mitten hinein ins Lendviertel. Während der Tour fällt mir wieder auf, warum ich dieses Viertel so mag: Ein bisschen angehipstert aber trotzdem noch so schön entspannt. Wir besuchen Läden, wie den sympatischen Büchersegler, der Lesestoff aus einem alten Optimistenboot verkauft und gerade zu einer der besten Buchhandlungen Österreichs gewählt wurde. Oder das Tag.Werk, eine Werkstatt für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz, die hier erlernen Produkte wie stylische Rucksäcke aus alten Planen und Markisen oder Schmuck aus Beton selbst herzustellen. Bei Paul&Bohne gibt es anlässlich des Designmonats nicht nur leckeren Kaffee, sondern auch besonders hübsche, in Graz designt und hergestellte Rucksäcke von Maghanoy Wilson.

Besonders cool fand ich „Die Speis“, eine schöne Art der Gemüselagerung ausgestellt im Schaufenster des Offline Retail Second Hand Shops. Nach der Tour gönne ich mir einen kleinen Aperitiv auf dem Lendplatz, bevor es zum Abendessen in den Speisesaal geht. Hier gibt es das allerallerbeste Backhendl der Stadt (eigentlich der Welt) mit frischem Salat – natürlich mit steirischem Kernöl. Absolute Empfehlung!

Graz Lend Viertel Design UNESCO
Tag.Werk Graz Design
Lendviertel Graz

Märkte am Samstag – Wochenmarkt auf dem Lendplatz und Fesch Designmarkt

Für den Samstag schnappe ich mir im Lendhotel eines der mietbaren Räder, um damit zum etwas südlich der Innenstadt liegenden Fesch’markt zu kommen. Doch kaum sitz ich im Sattel führt mich mein Weg am Lendplatz vorbei, auf dem Samstags ein gemütlicher Wochenmarkt stattfindet. Das ganze sieht so nett aus, dass ich spontan wieder von meinem gelben Flitzer hopse, um mich hier ein bisschen treiben zu lassen. Marktgespräch Nummer eins war an diesem morgen das am Vorabend geleakte Ibiza Video mit all seinen (möglichen) Konsequenzen. Die Menschen tauschen Spekulationen aus, lesen gebannt die Zeitung und sehr sympatisch: trinken schon morgens um 10 einen Aperol Spritz. „Hier gefällts mir, hier bleibe ich“, denk ich mir und bestelle mir einen Verlängerten und beobachte das Geschehen.

Lendhotel Graz Fahrrad
Lendplatz Markt Graz
Radieschen Lendplatz Graz

Irgendwann muss ich mich allerdings doch loseisen, denn ich habe heute noch ein bisschen was vor. Ich steige also wieder in die Pedale und radel entlang der Mur in Richtung alter Seifenfabrik. Eins ist schonmal klar: Von solch guten (und schönen) Radwegen können wir in Berlin nur träumen.

In der alten Fabrik findet immer an einem Wochenende im Mai der Fesch’markt statt, der ebenfalls Teil des Designmonats Graz ist. Hier stellen unabhängige Designer, Maker und Crafter (drei Angliszismen in einem Satz, bekomm ich dafür was?) aus Graz und dem Rest von Österreich ihre Produkte aus. Von nachhaltiger Mode, quietschbuntem Schmuck, lustiger Wanddekoration, Garten-Kochbüchern, über Naturkosmetik und Kamerataschen bis hin zum Kakteen und Sukkulenten findet man hier wirklich viele nette Produkte. Ich kaufe mir ein Cremedeo und habe mich in das ein oder andere Kleidungsstück schockverliebt. Gut, dass ich nur mit Handgepäck angereist bin und deshalb Nichts kaufen kann.

Feschmarkt Graz
Feschmarkt Graz

Die Grazer Altstadt und der Schloßberg

Nach dem Markt geht es mit meinem gelben Flitzer zurück in Richtung Innenstadt. Ich bin mit Katharina von Eat Write Live im Operncafé verabredet. Ich liebe sie ja, die alten Kaffeehäuser Österreichs, weit ab von Hipster-Kacheln, Flat White und Banana Bread. Dafür gibts Verlängerten, Schnapspralinenküchlein, Herren mit großen Zeitungen und Damen mit Fönfrisuren. Man fühlt sich selbst gleich irgendwie ein bisschen mondäner.

Den Nachmittag lasse ich mich durch die pitturesken Gassen der Altstadt treiben. Auch hier findet man noch mal ein paar Läden, die am Designmonat teilnehmen, ein paar gute Cafés (von der Sorte mit Flat White und Kacheln) und viele hübsche Fotomotive. Hier ist es ein klein wenig „touristischer“ als auf der anderen Seite der Mur, wenn man überhaupt von touristisch sprechen kann. Denn durch die vielen verwinkelten Straßen verteilt es sich eigentlich ziemlich gut.

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Wer mich kennt, weiß dass ich es bei Städtereisen liebe, mir einen Überblick von oben zu verschaffen. Seien es Rooftop Bars, Parkhausdächer, Kirchtürme oder kleine Berge. Jede Anhöhe ist mir recht, um mal kurz die Vogelperspektive einzunehmen. In Graz gibt es dafür gleich mehrere Anlaufstellen, eine davon ist der Schlossberg, den man von der ganzen Stadt aus sehen kann. Mit 123 Metern ist der Berg der höchste natürliche Punkt der Stadt und bietet einen Rundumblick über Graz, weit über die Stadtgrenzen hinaus. Hinauf gehts entweder mit dem Lift, der Schlossbergbahn oder über 260 Stufen. Drei mal dürft ihr raten, welchen Weg ich genommen habe.

Oben angekommen steht man gleich neben dem Wahrzeichen von Graz: Dem Uhrturm, der wie ich finde immer ein bisschen aussieht, als hätte er den Hut von Räuber Hotzenplotz auf. Die Besonderheit des über 400 Jahre alten Turms: Der Minutenzeiger ist kleiner als der Stundenzeiger. Aber genug der Wikipediafakten…

Schon beim letzten Graz Besuch hat mich bei der Aussicht vor allem eins beeindruckt: Der Blick auf das Kunsthaus. Das organische Bauwerk schmiegt sich irgendwie perfekt in die Dächerlandschaft ein und sticht natürlich doch ganz schön doll heraus. Es wird daher von den Grazern liebevoll auch „The Friendly Alien“ genannt. Ich nehme die Treppen wieder herunter, von hier ergeben sich immer wieder neue Perspektiven auf das Gebäude, die Dächer und Kirchtürme der Stadt.

Den Abend lasse ich mit Freunden bei Weißem Spritzer und Schnitzel in Ferl’s Spezialitäten Weinstube ausklingen. Na gut, eventuell hat an dem Abend auch der Eurovision Songcontest stattgefunden und der musste natürlich auch noch in einer Bar geguckt werden… aber das gehört hier nicht hin.

Schloßberg Graz

Ein Sonntag voller Ausstellungen – Kunsthaus Graz, Joanneumsviertel und Künstlerhaus

An meinem letzten Tag ziehe ich wieder per Pedes durch die Stadt, ich bummel ein bisschen durch das Lendviertel bevor es um 11 zu einer Führung im Kunsthaus geht, mit dem ausstellenden Künster Jun Yang persönlich. In seiner Ausstellung geht es um die Identität des Künstlers, um unsere Einzigartigkeit als Person und ob wir nicht alle doch irgendwie auf eine Weise austauschbar sind. Es geht um Reproduktion, um Serien und um das Kunstverständnis an sich. Jun Yang spielt dabei in seiner Arbeit vor allem mit Klischees über die Chinesische und Österreichische Kultur. Mein Lieblingsexponat: Eine Schnitzeltapete.

Der Besuch des Kunsthauses lohnt sich aber auch unbedingt, um in das Innere des „Friendly Alien“ einzutauchen. Die Architektur ist nicht nur von außen außergewöhnlich sondern spielt auch im Inneren mit interessanten organischen Formen und Linien.

Kunsthaus Graz

Nach einem kleinen Snack mit wirklich gutem Kaffee im Tribeka, das gleich um die Ecke vom Kunsthaus liegt, treffe ich mich mit Katharina am Künstlerhaus. Hier findet zur Zeit die „Deutschland Asnchluss Österreich“ (nein, das ist ausnahmsweise kein Tippfehler) Ausstellung von Jan Böhmermann statt. Ich möchte nicht zu viel über unseren Besuch verraten (und meine Newsletter Abonennten wissen schon ein bisschen mehr), denn die Ausstellung lebt davon, dass man während des Besuchs nicht so richtig weiß, was da eigentlich gerade real ist und was Satire. Deshalb gibt man zum Beispiel am Eingang, einer Passkontrolle, auch sein Handy ab. Unser Besuch hat auf jeden Fall zu wilden Spekulationen geführt und ich kann ihn bis heute noch nicht so richtig einordnen.

Designmonat Graz City of Design Unesco Joanneumsviertel

Der Thematische Fokus des Designmonats ist 2019 „Frauen und Design“. Viele Veranstaltungen in dieser Zeit heben Designerinnen besonders hervor oder drehen sich um feministische Themen. Ganze Ausstellungen zeigen nur weibliche Designerinnen. So zum Beispiel die Installation „To Death with a Smile“ im Lesliehof des Joanneumsviertel, die aus 100 Plakaten besteht, die sich mit dem Thema Tod in den unterschiedlichen Kulturen beschäftugen. Alle Plakate wurden von Frauen gestaltet und stammen aus einem Wettbewerb des Designmuseums in Mexico City.

Im Museumsshop des Joanneumsviertel werden einzelne Designerstücke aus den anderen UNESCO Cities of Design ausgestellt, es gibt eine Fotoausstellung Japanischer Künstlerinnen zum Thema Erotik und Exponate aus dem Möbeldesign.

 

Meine letzten Stunden in Graz verbringe ich mit Street Art Suche, der obligatorischen Käsekrainer (eigentlich fahre ich nur dafür nach Österreich) und mit Aperol Spritz trinken am Lendplatz. Dabei schleicht sich die Erkenntnis, dass die Stadt ihren UNESCO City of Design Titel wirklich verdient hat und dabei irgendwie so wunderbar unaufgeregt bleibt in meinen Kopf. Ich liebe, dass sich hier und da kleine Dinge verbergen, die es zu entdecken gibt. Kleine Aha Momente, die einen die Stadt immer mehr ins Herz fassen lassen, erst recht beim zweiten Besuch.

Graz, ich komm jetzt öfter!


Tipps

Rumkommen
In Graz lässt sich alles prima zu Fuß erreichen, aber auch die Radwege sind (im Vergleich zu denen in Berlin) ziemlich super, sie ist wohl nicht umsonst radfreundlichste Stadt Österreichs. Mit der Altstadt Bim (der Straßenbahn) fährt man in der Altstadt sogar Gratis!

Unterkommen
Dieses Mal bin ich direkt im Lendviertel im Lendhotel* untergekommen. Das Hotel ist regelrecht vollgestopft mit moderner Kunst und gleicht fast einem Museum. Es gibt eine coole Dachterrasse mit Blick über die ganze Stadt und für das geniale Frühstück kommen sogar die Grazer her. Durch meinen letzten Besuch kann ich aber auch das Hotel Wiesler* sehr empfehlen (freistehende Badewanne im Zimmer, anyone?). Hier gibts noch weitere Hotels in Graz*.

Weiterkommen
Graz eignet sich natürlich auch super als Ausgangspunkt für eine Reise durch die Steiermark, zum Beispiel ins Thermenland. Darüber hatte ich hier schonmal geschrieben.

Weiterlesen
Angelika von Reisefreunde hat den perfekten Tag in Graz zusammengestellt
Kati und Romeo von Sommertage waren auch ein Wochenende in Graz und haben wie immer wundervolle Bilder und Tipps mitgebracht
Nina von Reisehappen hat 27 (kulinarische) Tipps für Graz und die Steiermark


Offenlegung:

Meine Reise nach Graz fand im Rahmen einer Kooperation mit Graz Tourismus statt. Meine objektive Berichterstattung über Käsekrainer, Räuber Hotzenplotz Hüte, Ibiza Videos und Co bleibt hiervon jedoch unberührt.

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Nina

Designerin, Illustratorin, Fotografin und Flummiweltmeisterin. Mehr Infos über mich und den Blog gibt es hier

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